Ein Zeitzeuge erinnert sich an seine Kindheit in Rappersdorf

Ernst Deß wurde 1926 in Rappersdorf geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern im Haus Nr. 9 (Hausname „Kapperer“) auf und verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in Rappersdorf, bevor er mit 13 Jahren nach Nürnberg zog, um dort eine weiterführende Schule zu besuchen. Rückblickend auf sein Leben, verfasste Ernst Deß im hohen Alter von 90 Jahren seine Lebensgeschichte: „Erinnerungen aus meinem Leben“. In sehr ausführlicher und persönlicher Weise beschreibt er darin das entbehrungsreiche Leben der Landbevölkerung in der Vorkriegszeit in Rappersdorf am Beispiel seiner eigenen Familie. Neben dem dörflichen und familiären Umfeld nimmt die Schulzeit von Ernst Deß an der Volksschule Ernersdorf einen breiten Raum in seinen Erzählungen ein.

Haus Nr. 9, in dem Ernst Deß geboren wurde und aufwuchs. Scheune und Wohnhaus, dazwischen der Kuhstall.

Ich wuchs in einer sehr armen Familie bei meinen Großeltern in Rappersdorf auf. Im Dorf gab es damals nur 13 Häuser. Unser Haus hatte die Nummer 9. Erst später wurde mir das ganze Ausmaß unserer Not bewusst, besonders, wenn ich an all die Dinge denke, auf die wir verzichten mussten. Hunger war für mich alltäglich, und oft reichte mir ein Stück trockenes Brot. Zum Frühstück und Abendessen gab es meist Wassersuppe – Brotscheiben mit heißem Wasser, etwas Salz und manchmal Zwiebeln. Tante Anna versuchte, die Suppe mit Milch zu verbessern, doch Großmutter schimpfte sie dann als verschwenderisch. Im Winter gab es dazu manchmal Bratkartoffeln aus dem Ofen, mittags meist ein einfaches Gericht. Im Sommer war das Essen dank unseres Gartens etwas abwechslungsreicher: Bohnen, Gurken, Kohlrabi und Salate kamen dann auf den Tisch. Fleisch und Wurst waren selten und wurden nach dem Schlachten meist geräuchert, damit sie den Winter über reichten.

An drei Tagen in der Woche aßen wir Fastenspeisen, meist Mehlspeisen, die aus minderwertigem Nachmehl gemacht wurden, weil Weizenmehl zu teuer war. Diese Speisen waren oft so hart, dass man sich fast die Zähne daran ausbeißen konnte. Kartoffelnudeln und Strudel, gefüllt mit Obst oder Grieben, waren dagegen eine willkommene Abwechslung. Großmutter war beim Kochen extrem sparsam, manchmal sogar so sehr, dass selbst Großvater unzufrieden war – aber er wusste, dass es nicht anders ging.

Sonntags gab es immerhin Kathreiner Malzkaffee, richtigen Kaffee kannte ich nur vom Hörensagen. An Feiertagen wurde dem Malzkaffee etwas echter Kaffee beigemischt, und dazu gab es Kaffeebrot oder Rohrnudeln, meist ebenfalls aus Nachmehl. Der Kaffee wurde aus Schüsseln gelöffelt, oft mit Brot oder Nudelstücken eingebrockt. Sonntags freute ich mich besonders auf das Mittagessen: Schweinebraten, Bratkartoffeln und manchmal Sauerkraut oder Kartoffelklöße. Die Fleischportionen waren klein, daher mussten die Beilagen satt machen. Eine Leberknödelsuppe als Vorspeise war eine Seltenheit und ein besonderer Genuss.

Das Gebet spielte eine große Rolle in unserem Alltag. Morgens, mittags und abends wurde am Tisch gebetet, immer mit Blick auf den Herrgottswinkel. Auch bei der Arbeit auf dem Feld hielt man inne, wenn die Glocke im Dorf läutete, und betete für die Verstorbenen. Besonders im Mai und Oktober gab es tägliche Andachten.

Meine Großmutter stammte aus Wallnsdorf, wo ihre Stiefschwester Walburga den Hof führte. Trotz aller Schwierigkeiten wurde meine Großmutter von ihren Schwestern nicht vergessen, und bei Besuchen wurden wir immer herzlich bewirtet. Ich liebte diese Besuche, denn bei der Base gab es immer gutes und reichliches Essen, besonders zur Kirchweih oder zu Weihnachten. Die Base gab uns oft Lebensmittel mit, was für uns eine große Hilfe war.

Im Haushalt lebte auch meine Urgroßmutter, das „Oferla“. Sie war fast blind und verbrachte die meiste Zeit auf der Hausbank im Hof. Nach ihrem Tod zog ich mit meinen Großeltern in das Austragsstübchen im Erdgeschoss. Trotz aller Not baute Großvater 1930 ein zusätzliches Zimmer, das „schöne Zimmer“, das aber nur für Gäste genutzt wurde. Für den Ausbau musste er einen Kredit aufnehmen, der uns lange belastete.

Das Haus war ein typisches Bauernhaus für kleine Landwirte. Im Laufe der Jahre wurde immer wieder umgebaut: ein Erker, ein neuer Schweinestall, ein Geräteschuppen und ein Keller. Im Garten wuchsen Obstbäume und Gemüse, und ein Dorfbrunnen sorgte für Wasser. Die Wohnstube war der Mittelpunkt des Hauses: dort wurde gegessen, gebetet und gearbeitet. Der Kachelofen spendete Wärme, und auf der Ofenbank konnte ich mich ausruhen.

Die Küche war eine „schwarze Küche“ mit rußgeschwärzten Wänden und diente auch als Räucherkammer. Im Sommer wurde auf einem gemauerten Herd gekocht. Die Vorratskammer und der Stall lagen direkt nebenan. Im Stall hatten wir nur wenige Kühe, und die Arbeit dort war hart, besonders das Füttern und Ausmisten. Ich half, so gut ich konnte, auch wenn ich als Kind oft mehr im Weg war.

Die Milch wurde in der Stube entrahmt, und wenn genug Rahm zusammenkam, wurde gebuttert. Eier und Butter verkaufte Großmutter, um etwas Geld zu verdienen. Die Abende verbrachten wir meist in der Stube, Großvater las Zeitung, Großmutter flickte oder spann Wolle, und ich lag auf der Ofenbank. Beleuchtet wurde alles nur von Petroleum- oder Karbidlampen, elektrisches Licht gab es bei uns erst nach dem Krieg.

Im Hausgang trennten einfache Türen den Wohnbereich vom Stall. Auf dem Dachboden lagerten Heu, Stroh und Getreide, und in der kleinen Scheune war Platz für das Vieh und die Ernte. Die Arbeit war hart, und am Abend war ich oft so müde, dass ich sofort einschlief. Doch trotz aller Entbehrungen und Schwierigkeiten erinnere ich mich an diese Zeit mit einer gewissen Wärme – an das einfache Leben, die Gemeinschaft und die kleinen Freuden, die den Alltag heller machten.

Die ausführlichen Erinnerungen von Ernst Deß an seine Kindheit in Rappersdorf und seine Schulzeit in Ernersdorf finden Sie hier: Erinnerungen-aus-meinem-Leben.pdf .

Bernhard Netter